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Wirtschaft

11.12.2017 - Artikel

Stand: Mai 2018

Kurzcharakterisierung der indischen Wirtschaft


Indiens Wirtschaft hat sich zuletzt erholt und an Dynamik gewonnen. Das Wirtschaftswachstum lag im Haushaltsjahr 2016/2017 bei 7,1% und in 2017/18 bei 6,75% mit wieder steigender Tendenz bis zu projizierten 7,5% bis 2019. Indien zählt damit nach wie vor zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt. Im Vergleich zu anderen BRICS-Staaten kann Indien sich derzeit besser positionieren. Bei weiter wachsender Einwohnerzahl (derzeit 1,31 Milliarden) wird es in Zukunft nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, sondern auch mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und USA an dritter Stelle liegen.
Indien steht vor gewaltigen Herausforderungen bei der Armutsbekämpfung und in der Bildungs- und Infrastrukturentwicklung. Das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei rund 1.852 USD . Auf dem Human Development Index der UNDP (Stand: September 2016) steht Indien auf Platz 131 unter 188 erfassten Staaten. Während es weltweit die meisten Millionäre und Milliardäre beheimatet, liegt Indien bei vielen Sozialindikatoren deutlich unter den Durchschnittswerten von Subsahara-Afrika. Gleichzeitig konnten in den letzten beiden Jahrzehnten hunderte Millionen Menschen in Indien der Armut entkommen.
Das hohe Wachstum der Jahre bis 2011 und ab 2014 hat die regionalen Entwicklungsunterschiede auf dem Subkontinent und das zunehmende Einkommensgefälle zwischen der expandierenden städtischen Mittelschicht und der überwiegend armen Bevölkerung auf dem Lande, wo noch knapp 70% aller Inder leben, schärfer hervortreten lassen. Die erhofften Beschäftigungseffekte des Wachstums sind noch nicht im erwünschten Ausmaß eingetreten.
Premierminister Modi (BJP) errang seinen erdrutschartigen Wahlsieg 2014 mit dem Versprechen von mehr Wachstum, besseren Entwicklungschancen für die breite Masse der Bevölkerung und weniger Korruption. Die Erwartungshaltung war und ist entsprechend groß. Nach über drei Jahren Regierungszeit zeigen sich verstetigende, positive Tendenzen bei der Inflation, die von vorher knapp 10% zuletzt auf Werte um 4% sank, in 2018 aber auf 4,9% leicht ansteigen soll. Das Haushaltsdefizit soll bis 2021 von 3,5 % (2017/2018) perspektivisch auf 3% des BJP reduziert werden, für 2019 ist ein Defizit von 3,3% angestrebt. Dafür bedarf es vor allem höherer Steuereinnahmen bei den direkten und indirekten Steuern. Zum 1. Juli 2017 hat man die lang erwartete Umsatzsteuerreform „Goods & Services Tax“ umgesetzt, die sich mittelfristig positiv auf eine Steigerung des Steueraufkommens auswirken könnte. Vor allem ist sie aber ein wichtiger Schritt zur Schaffung eines indienweiten Binnenmarkts. Durch stärkere Kontrollen, Vorantreiben digitaler Zahlungsmethoden und finanzielle Inklusion der breiten Bevölkerung wird der Kampf gegen Steuerhinterziehung und Korruption verschärft. Dadurch werden auch im Bereich der Einkommensbesteuerung höhere Einnahmen erwartet.
Zu Beginn ihrer Amtszeit hat sich die Regierung Modi zur Marktwirtschaft bekannt und eine Reformagenda angekündigt, die unter anderem eine Erhöhung des Anteils ausländischer Direktinvestitionen vorsieht. Ende September 2014 verkündete Premierminister Modi die "Make in India" Kampagne und rief ausländische Investoren dazu auf, in Indien bei verbesserten Investitionsbedingungen zu produzieren. Er will so den Anteil der Industrieproduktion am BIP von aktuell 17% bis 2025 auf 25% anheben.
Zur Ankurbelung der weiteren Industrialisierung werden groß angelegte Infrastrukturprojekte verfolgt, die unter anderem den Ausbau von Industriekorridoren zwischen verschiedenen Knotenpunkten vorsehen (zum Beispiel Delhi-Mumbai Industrial Corridor). Auch im Bereich Schiene, den Häfen und im Luftverkehr sind erhebliche Investitionen nötig und geplant.

Struktur der Wirtschaft

Zu den Hauptcharakteristika der indischen Volkswirtschaft gehören das Missverhältnis zwischen BIP- und Beschäftigungsanteil bei Landwirtschaft und Dienstleistungen (mit umgekehrten Vorzeichen) und eine vergleichsweise geringe Bedeutung der verarbeitenden Industrie. Die überwiegende Mehrheit der indischen Bevölkerung lebt in ländlich-bäuerlichen Strukturen und bleibt wirtschaftlich benachteiligt. Der Anteil der Landwirtschaft an der indischen Wirtschaftsleistung sinkt seit Jahren kontinuierlich und beträgt nur noch etwa 16,4% (2017/18) der Gesamtwirtschaft, obgleich fast 50% der indischen Arbeitskräfte in diesem Bereich tätig sind. Die Zahl der landwirtschaftlichen Haushalte auf dem Land wird mit knapp 60% angegeben, letztlich dürfte aber nahezu die gesamte Bevölkerung auf dem Land, d.h. knapp 70% der Bevölkerung direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig sein. Angesichts Kapitalmangels, zu kleiner Anbauflächen, stagnierender Erträge und fehlender Absatzstrukturen bleibt der Sektor Hauptsorge der indischen Regierung.
Schätzungen zufolge stehen nur circa 10% aller Beschäftigten in einem vertraglich geregelten Arbeitsverhältnis. Die übrigen 90% werden dem sogenannten "informellen Sektor" zugerechnet – sie sind weder gegen Krankheit oder Arbeitsunfälle abgesichert, noch haben sie Anspruch auf soziale Leistungen oder Altersversorgung.
Wachstum und Wohlstand verdankt Indien vor allem dem Dienstleistungssektor mit einem Anteil von rund 55,2% am BIP. Hiervon profitiert aber bei einem Beschäftigungsanteil von etwa 27% nur der kleinere Teil der Bevölkerung. Zur Überwindung der Massenarmut sollen neue Arbeitsplätze geschaffen werden, vor allem auch für nicht oder gering qualifizierte Kräfte. Dies könnte aus Sicht der Regierung am ehesten im Industriesektor (insbesondere im verarbeitenden Gewerbe) erfolgen.
Eine Reihe von Sektoren (insbesondere Öl, Gas, Kohle, Schwerindustrie, Transportwesen, Banken und Versicherungen) bleibt weitgehend von öffentlichen bzw. halböffentlichen Unternehmen dominiert. Die Regierung Modi führt zwar langsam, aber kontinuierlich (Teil-)Privatisierungen durch. Ein kompletter Rückzug des Staates aus seinen Unternehmen ist noch nicht ersichtlich.
Im Bereich des Bankenwesens beabsichtigen Regierung und Zentralbank eine Verringerung der Anzahl der Staatsbanken, um deren internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Auch haben die Staatsbanken mit einer erheblichen Anzahl notleidender Kredite zu kämpfen.

Wirtschaftsklima

Die schiere Größe der indischen Volkswirtschaft, Demographie und vergleichsweise hohes Wachstum machen den Subkontinent zu einem neben China wichtigen Markt der Zukunft. Vor allem die Inlandsnachfrage treibt das Wachstum voran.
Als wesentlicher Grund für die mittel- bis längerfristig hohen Wachstumsprognosen wird gemeinhin die sogenannte "demographische Dividende" angeführt (Geburtenrate sinkt nur langsam). Der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 59 Jahren wird bis 2026 auf knapp 70% steigen. Dieses äußerst günstige Generationenverhältnis soll Stütze für ein nachhaltiges Wachstum sein. Die nötigen Arbeitsplätze müssen größtenteils allerdings erst entstehen. Ebenso sind massive öffentliche Investitionen in Bildung, Ausbildung und Gesundheitswesen notwendig.
Nur etwa 5% aller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen verfügen nach Regierungsangaben über eine berufliche Qualifikation. Für die jährlich bis zu 12 Millionen jungen Menschen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, gibt es bisher zu wenige Ausbildungsangebote, zumeist auch nur von sehr geringer Qualität. Die gravierenden Defizite im Bereich Ausbildung und Bildung gelten mittlerweile als größte Gefahr für die Ausschöpfung des indischen Wachstumspotentials.
Vor diesem Hintergrund hat die Regierung vermehrte Anstrengungen zur Ausbildung der Arbeitskräfte angekündigt bzw. bereits umgesetzt ("Skill India"-Initiative). Deutschland, mit seinen Erfahrungen im Bereich der dualen Berufsausbildung, auch in der EZ, wird als natürlicher Partner gesehen. 
Der Umfang der ausländischen Direktinvestitionen in Indien stieg in den vergangenen Jahren stark an und erreichte zwischen April 2016 und März 2017 eine Rekordhöhe von 44 Mrd. USD.

Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft

meisten Bereichen der Wirtschaft sind mittlerweile ausländische Direktinvestitionen zugelassen und die Obergrenzen für ausländische Beteiligungen wurden entweder ganz abgeschafft oder ausgeweitet. Nachdem 2012 eine stärkere Öffnung des Einzelhandels und des Luftverkehrs für ausländische Investoren beschlossen worden war, folgten inzwischen weitere Öffnungen u.a. in den Bereichen Wohnungsbau, Verteidigung und Eisenbahninfrastruktur. Auch die Beteiligungsgrenzen im Versicherungssektor werden angehoben. Da inzwischen 10% aller Investitionen genehmigungspflichtig sind, hat man das bislang für die Freigabe zuständige zentrale Kontrollgremium abgeschafft und die Entscheidung in die Fachministerien verlagert. Die Sektoren mit den höchsten Auslandsinvestitionen sind  Dienstleistungen IT und Elektronik sowie Infrastruktur. Zwischen den Bundesstaaten herrscht ein reger Wettbewerb um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen.
Der indische Außenhandel ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark gewachsen; der BIP-Anteil des Außenhandels erhöhte sich von etwa 23% im Fiskaljahr 2000/01 auf 33% 2016/17. Indiens Exporte haben sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht. Der indische Anteil am Welthandel erreichte 2016 nach WTO-Angaben etwa 1,6% bei Exporten und 2,21% bei Importen. Das Außenhandelsdefizit Indiens, das sich seit 2016-17 erhöht hat und bei etwa 6,4% im Fiskaljahr 2017/18 lag, war in letzter Zeit von gesunkenen Exporten und gestiegenen Importen vor Einführung der „Goods & Services Tax“ geprägt.
Offen ist, welche Haltung die Regierung in Bezug auf weitere Marktöffnungen und die Integration in globale bzw. regionale Freihandelsabkommen einnehmen wird. 2016 kündigte die indische Regierung die meisten ihrer bilateralen Investitionsschutzabkommen. Die Verhandlungen mit der EU über ein Freihandelsabkommen sind noch nicht wieder aufgenommen worden. Gleichzeitig setzt Indien in der öffentlichen Rhetorik im Gegensatz zu früher klar auf die multilaterale Handelsordnung im Rahmen der WTO
Indien greift häufig auf Schutzmaßnahmen zurück, um die eigene Wirtschaft zu stützen. Neben der Regulierung und Überwachung von Auslandsinvestitionen sind dies vor allem Anti Dumping-Maßnahmen, Steuern und Zölle. Gleichzeitig bemüht sich die Regierung seit mehreren Jahren  mit einer Vielzahl von Hilfsmaßnahmen die eigene Exportindustrie zu stärken.

Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, konjunkturelle Lage


Im Haushaltsjahr 2017/18 betrug das nominale Bruttoinlandsprodukt nach ersten Berechnungen umgerechnet 2,558 Milliarden US-Dollar, das nominale BIP pro Kopf etwa 1.852 US-Dollar. Der Agrarsektor wuchs 2016/17 mit 4,1% stärker als im Vorjahr (1,2%). Der Abwärtstrend des Vorjahres im Bereich der Wertschöpfung des Industriesektors (5,2%) hat sich umgekehrt; der Dienstleistungssektor wuchs 2016/17 signifikant um 8,8%. Die Prognosen für das Fiskaljahr 2017/18 weisen auf ein etwas geringeres Wachstum hin. Die Landwirtschaft soll  um 2,1%, die Industrie um 4,4% und der Dienstleistungssektor um 8,3% wachsen.
Bei Industrie und Dienstleistungen dürften sich verschiedene Folgeeffekte der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise nunmehr zunehmend abschwächen; national können die ungewöhnlich hohen Gewinnmargen der letzten Jahre jedoch ohne einen neuen Investitionszyklus nicht gehalten werden. Ohne Investitionen im großen Stil in beschäftigungsintensiven Branchen (wie zum Beispiel Leder, Elektronik) wird sich Indien nicht aus Armut und Unterentwicklung befreien können. Indien setzt hierfür auf die Förderung des verarbeitenden Gewerbes ("Make in India").
Defizite im Infrastrukturbereich erschweren (weiterhin) die Wachstumsaussichten. Hier setzt die Regierung mit gigantischen Infrastrukturprojekten und Public-Private-Partnerships (PPP) an. Zwischen Mumbai und Ahmedabad soll die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke für neue Hochgeschwindigkeitszüge entstehen. Zusätzlich soll der "Delhi-Mumbai Industrial Corridor" entstehen, ein Verkehrs- und Industriekorridor mit modernen, ökologisch durchdachten Stadtansiedlungen ("Smart Cities"). Weitere "Korridore" sollen von West nach Ost durch die Ganges-Ebene Delhi und Kalkutta sowie Mumbai mit den wirtschaftlichen Zentren Bangalore und Chennai im Süden verbinden.

Hinweis:
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.

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